Teil 2: von Katrin Blawat Quelle:(SZ vom 02.12.2009/beu)
Der Tanz einer Biene, die nach erfolgreicher Futtersuche in den Stock zurückkehrt, besteht aus mehreren Abschnitten. In der Schwänzelphase lässt die Biene ihren Hinterleib seitwärts vibrieren, bis zu 15-mal pro Sekunde. Dann läuft sie eine kreisförmige Strecke und beginnt von neuem mit der Schwänzelphase; so kann es mehrere Minuten lang gehen.
Die Schwänzelphase enthält, so beschreibt es Frisch, zwei Informationen über die Lage des Futterplatzes: Die Richtung übermittelt die Biene, indem sie ihren Körper relativ zur Sonne so ausrichtet, dass der entstehende Winkel den Winkel zur Futterquelle wiedergibt. Die Entfernung zum Stock ist durch die Dauer des Tanzes codiert, als Richtwert gelten 75 Millisekunden Schwänzelphase pro 100 Meter Entfernung. Nach fünf bis sechs Schwänzelphasen wüssten auch unerfahrene Bienen genau, wohin und wie lange sie fliegen müssen und machten sich sofort zum Futterplatz auf, erklärte Karl von Frisch in seiner Rede nach der Verleihung des Nobelpreises 1973.
"Ich selbst hatte zu Beginn Zweifel"
Nur wenige Redeminuten später räumte er jedoch ein: "Es ist vorstellbar, dass manche Menschen diese Dinge nicht glauben werden. Ich selbst hatte zu Beginn Zweifel." Tatsächlich hatte Frisch 50 Jahre vor der Preisverleihung in seiner Schrift "Über die Sprache der Bienen" noch wesentlich vorsichtiger formuliert: "Die Bienen, die auf die Tänze hin ausfliegen, suchen das Gelände nach allen Richtungen ab, wahrscheinlich im Bereich des ganzen Flugkreises." Adrian Wenner von der University of California in Santa Barbara gilt als der entschiedenste Kritiker Frischs. Für ihn sind die frühen Notizen des Nobelpreisträgers ein Beleg dafür, dass sich die Idee einer Tanzsprache allein deshalb durchsetzen konnte, weil sie die Menschen so faszinierte. "Die exotische These akzeptierte man schnell, dabei bestätigte sie sich nicht in experimentellen Tests." Vielmehr hätten die Vertreter der Tanzsprache-Hypothese Ergebnisse ignoriert, die nicht in ihr Konzept gepasst hätten. Auch Jürgen Tautz, Leiter der Würzburger Beegroup, erklärt: "Die Idee, dass Insekten derart abstrakt kommunizieren können, hat Philosophen und Linguisten einfach begeistert. Bis dahin hatte man dies nur dem Menschen zugetraut."
Frisch habe sich von einigen seiner Beobachtungen in die Irre führen lassen, sagt Tautz - und schlicht nicht mehr zurückrudern können, als andere seine Idee einer Tanzsprache begeistert aufgegriffen hatten.
Viele heutige Bienenforscher sehen im Schwänzeltanz hingegen vor allem einen Appell: ",An alle im Stock: Schwärmt aus, irgendwo dort hinten gibt es Futter!' - so etwa könnte die Botschaft des Schwänzeltanzes lauten", sagt Tautz. Motivierend wirken dabei mehrere Aspekte. Spüren die Bienen die Vibrationen ihrer aufgeregt herumhüpfenden Artgenossin und die durch das Tanzen erhöhte Innentemperatur, schwärmen sie folgsam hinaus zur Futtersuche - manchmal.
Doch wohin und wie weit sie fliegen müssen, dazu macht der Schwänzeltanz nur unzuverlässige Angaben. Tautz ließ Bienen in einem dunklen, engen Tunnel Pollen sammeln, elf Meter vom Stock entfernt. Nach ihrer Rückkehr tanzten die Bienen im Schnitt 358 Millisekunden lang - und die meisten nachfolgenden Bienen flogen in Richtung eines Futterplatzes, den der Forscher 70 Meter vom Stock entfernt aufgestellt hatte. "Der Kilometerzähler der Bienen funktioniert nicht absolut, sondern je nach Beschaffenheit der Landschaft unterschiedlich. Der Schwänzeltanz gibt die Anzahl der Bilder wieder, die während des Flugs am Bienenauge vorbeigezogen sind", folgert Tautz aus seinen Ergebnissen.